Die Eisenbahn in Velden

Velden war vor 1890 eine der gewerbereichen Marktgemeinden in Niederbayern. Die Bürger betrieben z. T. selbst noch Landwirtschaft, lebten jedoch überwiegend vom Handel mit dem Umland. Nach Velden gelangte man auf meist schlecht ausgebauten Kies- und Sandstraßen. Seit der Inbetriebnahme der Eisenbahnlinien München-Landshut, München-Simbach und Landshut-Neumarkt a. d. R., wandte sich der ganze Handel, vor allem mit Getreide und Vieh, von Velden ab und den Orten mit Bahnstation (z. B. Moosburg, Dorfen, Vilsbiburg) zu. Ab etwa 1883 ging die Bedeutung der Veldner Vieh- und Warenmärkte als Folge dieser Entwicklung erheblich zurück. Zwar hatte Velden bereits um 1865 einmal Aussicht gehabt, selbst Bahnstation an einer von München durch das Vils- und Rottal geplanten Hauptbahnlinie zu werden; das Projekt scheiterte jedoch am Widerstand niederbayer. Abgeordneter. Nur ein Eisenbahnanschluß konnte einen weiteren Verfall der Wirtschaftskraft des Marktes mit seinen rd. 1 300 Einwohnern verhindern. In dieser Notzeit schlossen sich tatkräftige Veldner Bürger unter Führung von Bürgermeister Ludwig Angstl am 10.6.1891 im “Eisenbahncomité Velden” zusammen mit dem Ziel, Velden mittels einer örtlichen Bedürfnissen dienenden Lokalbahn an das vorhandene Staatseisenbahnnetz anzuschließen.

Nach dem Lokalbahngesetz vom 21.4.1884 hatte das Vorhaben grundsätzlich Aussicht auf Verwirklichung, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen (z. B. kosten- und lastenfreie Bereitstellung der zum Bahnbau und für die Bahnanlagen benötigten Grundstücke, Rentabilität) erfüllt waren und wenn der Bayer. Staat – der die Lokalbahn bauen und betreiben sollte – genügend Geld für das Projekt bereitstellen konnte.

Der erste Plan, der den Bau einer Bahnlinie von Erding über Taufkirchen – Velden nach Vilsburg vorsah, erwies sich als zu aufwendig. Bereits 1891 ergab sich, daß eine Bahnverbindung von Dorfen nach Velden bautechnisch, finanziell und wirtschaftlich die beste Lösung bieten würde. In Dorfen und Taufkirchen, mit denen man ohnehin in wirtschaftlicher Verbindung stand, fanden die Veldner die erforderliche Unterstützung. In der Folge wurden von den königlich bayerischen Staatseisenbahnen die Varianten Dorfen-Grüntegernbach-Velden und Dorfen-Taufkirchen-Velden eingehend untersucht. Trotz erheblicher Widerstände seitens der ausschließlich ihre eigenen Wirtschaftsinteressen verfolgenden Gemeinden und Eisenbahncomités Erding, Moosburg, Vilsbiburg und Landshut erreichten die Veldener Bürger nach vielen Bemühungen die Aufnahme des Projektes einer Lokalbahn von Dorfen über Taufkirchen nach Velden in das Gesetz vom 17.6.1896. Dabei hatte der Markt Velden 40 Prozent aller Grunderwerbskosten (= 125.100 Mark – ein für die damaligen Geldwertverhältnisse sehr hoher Betrag) zu tragen. Nach etwa zweijähriger Bauzeit konnte die Fertigstellung der Lokalbahn am 22.12.1898 in Velden festlich begangen werden. Mit Zustimmung seiner kgl. Hoheit dem Prinzregent Luitpold von Bayern wurde die Bahnlinie am Heiligabend des Jahres 1898 offiziell ihrer Bestimmung übergeben.

Velden war Sitz der Lokalbahnbetriebsleitung und Bahnstation II. Klasse. Das dem Herrn Oberexpeditor unterstehende Personal (1 Adjunkt, 1 Lokomotivführer, 1 fahrfertiger Heizer, 2 Maschinenhaustaglöhner und 3 Lokalbahnschaffner für den Stations- und Zugbegleitdienst – zuzüglich der Bahnagenten in Taufkirchen usw.) wohnte meist in Velden; die Lokalbahndampflokomotive der bayer. Gattung D XI wurde in Velden hinterstellt. Velden hatte mithin nicht nur Anschluß an den gesamtbayer. Wirtschaftsraum gefunden, sondern war eisenbahnbetrieblich durchaus von Bedeutung. Die Dampflokomotiven der Gattung D XI waren beim Lokpersonal recht beliebt, weil sie “gut Dampf machten” und bewährten sich gut. So wurde die 1898 gebaute und 1902 in Velden “beheimatete” D XI Nr. 2009 (siehe Bild) von der DB erst 1950 ausgemustert. Um 1914 probierte es dann die königlich bayerischen Staatseisenbahnen vorübergehend mit dem Einsatz einer kleinen, zweiachsigen Heißdampflokomotive der Gattung PtL 2/2 mit halbautomatischer Schüttfeuerung (dadurch konnte der Heizer eingespart werden). Aber die “Kaffeemühle” – wie sie wegen ihres bis über das Dach hinausragenden Kohlenkastens von den Veldnern liebevoll genannt wurde – blieb gern an der Schnaupinger Steigung hängen, besonders dann, wenn man ihr in Babing b. Taufkirchen noch einen Langholzwagen angehängt hatte. Bis weit in die Dreißiger Jahre hinein machten Schneeverwehungen dem Bockerl zu schaffen. Nicht selten traf der von Velden abgefahrene Abendzug nach Dorfen plötzlich wieder im Bahnhof Velden ein ohne über Taufkirchen hinausgekommen zu sein. Mit dem Einsatz stärkerer Lokalbahndampflokomotiven der Baureihe 98.10 (siehe Bild) konnten etwa ab 1935 bessere Fahrzeiten erzielt werden. Während des Weltkrieges 1939/45 erfuhr der Güterverkehr auf der Lokalbahn durch den Transport kriegswichtiger Güter, die z. T. auch in Veldner Betrieben hergestellt wurden, eine starke Belebung. Ab 1950 erlangten die Erdöltransporte ab Bahnhof Velden besondere Bedeutung. Bis 1964 war der Bahnhof Velden eine eigene Dienststelle mit 4 Bediensteten, wurde jedoch dann in eine Agentur umgewandelt. Berufstätige und Schüler benützten immer mehr die günstigen Linienbusse und am 26.5.1968 wurde der Personenverkehr auf der Schiene zwischen Velden und Dorfen eingestellt. Der eigentliche Lokalbahnbetrieb – viel bespöttelt, oft gelobt aber eben so oft verwünscht – war jedoch bereits im Oktober 1948 mit dem Abzug der letzten Lokalbahndampflokomotiven (98.10) zu Ende gegangen. Der Güterverkehr wird auch heute noch in geringem Maße aufrecht erhalten.

Beitrag von O. Begert in: 1200-Jahr-Festschrift, 1973, S. 123-126