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Boolkhent ka Veun – Grüß Gott in Velden

von Franziska Höfelschweiger

So mancher Gast nahm eine weite Reise in Kauf, um den Feierlichkeiten in der Veldener Mittelschule am vergangenen Wochenende beizuwohnen. Das Cimbern-Kuratorium Bayern feierte dort sein 50-jähriges Bestehen zusammen mit Kuratoriumsmitgliedern aus dem gesamten Freistaat, darunter auch Schirmherr und Minister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, sowie zahlreiche Gäste aus den cimbrischen Gemeinden aus dem oberitalienischen Bergland.


Um 1050 nach Christus, es war die Zeit der Geschichten von Minnesängern, Ritterburgen und Fabelwesen, ließ sich so mancher deutsch-bayerische Siedler auf der Hochebene von Asiago, in den Bergen der heutigen Provinz Vicenza nieder. Mitten in Norditalien lebte hier also ein Stück urbayerische Kultur fort. Die Sprache der Cimbern, so werden besagte Siedler bis heute genannt, beweist die Herkunft der vor 1000 Jahren „Zuagroasten“ bis heute.

Den Erhalt der cimbrischen Sprache und Kultur hat sich das Bayerische Cimbern-Kuratorium vor 50 Jahren zur Aufgabe gemacht. In enger Zusammenarbeit mit den oberitalienischen Provinzen Verona, Trient und Vicenza trägt der Verein so zum interkulturellen Austausch und zur europäischen Identitätsbildung bei.

Der Markt Velden sei das kleinste Glied in der Reihe der Städtepartnerschaften zwischen Landkreis Landshut und den cimbrisch sprechenden Gemeinden, so Bürgermeister Ludwig Greimel, umso mehr freue es ihn, das Jubiläum des Cimbern-Kuratoriums in seiner Heimatgemeinde feiern zu dürfen. Zu den Feierlichkeiten am Wochenende nahm so mancher italienisch-cimbrische Funktioner den weiten Weg in den beschaulichen niederbayerischen Markt auf sich. Darum wurden auch die Redebeiträge zum Festakt am Samstag sowohl ins Italienische als auch ins Cimbrische übersetzt.


1000 Jahre Sprachgeschichte

Die cimbrische Sprache habe sich seit knapp 1000 Jahren aus dem Mittelhochdeutschen weitergebildet, sie gelte als „älteste Form der deutschen Sprache“, so Jakob Oßner, der Vorsitzende des Bayerischen Cimbern-Kuratoriums. Wer bei den Übersetzungen gut aufpasste, konnte dem Festakt auch ohne deutsche Originalversion folgen. Altbairische Wörter, die viele nur noch aus Gesprächen mit Oma und Opa kennen, finden in der alten Dialektsprache immer noch Gebrauch. Die Grammatik allerdings folgt ihren eigenen Regeln. Wer nur an das Bairische gewohnt ist, für den klingt die Wortstellung oft ungewöhnlich.

Auf dem Denkmal zu Ehren des Cimbern-Forschers und Kuratoriumsgründungsmitgliedes Hugo Resch in Roana heißt es beispielsweise „An heftighe Borbaissgot“, zu Deutsch „Vergelt‘s Gott“. Die Wochentage Dienstag und Donnerstag heißen in den Sprachinseln immer noch „erta“ und „pfinsta“ wie auch im alten bairischen Dialekt. Die „Goas“ ist auch hier die Ziege und Frauen werden oft als „Baibar“, zu bairisch „Weiber“, bezeichnet.

Heute beherrschen allerdings nur noch wenige tausend Menschen diese alte Form des Deutschen. Die Erforschung der Sprachinseln geht zurück auf den Sprachwissenschaftler Johann-Andreas Schmeller, der 1833 seine erste Forschungsreise in das oberitalienische Bergland unternahm. Der Wissenschaftler befürchtete damals schon das Aussterben des alten Dialekts, als er feststellte, dass nur noch die ältesten Dorfbewohner das Deutsche ansatzweise verstanden. Somit verfasste er das erste cimbrische Wörterbuch und schrieb die Grammatik der Mundartsprache auf. In den norditalienischen Sprachinseln gibt es seit einigen Jahren zweisprachige Ortsschilder auf Italienisch und Deutsch-Cimbrisch, es gibt cimbrische Sprachkurse und die traditionellen Dialektlieder werden bei öffentlichen Veranstaltungen gesungen. Das Bewusstsein seiner Heimatgemeinde für seine Wurzeln erfüllt Kuratoriumsmitglied Hugo-Daniel Stoffella mit Stolz.

Als ehemaligem Germanistikstudent gehe ihm hier das Herz auf, so Minister für Wissenschaft und Kunst, Bernd Sibler, der die Schirmherrschaft über das Jubiläum übernehmen durfte. Dialekt und Muttersprache seien wesentlich für die Bildung einer Identität und das Bewusstsein über die eigene Heimat und damit ein wichtiges Zeichen für die Kulturpolitik. In Zeiten, in denen die Menschen zum nationalen Denken zurückkehren, sei es wichtig, interkulturell zusammenzuarbeiten und nicht gegeneinander zu wirken, so Sibler weiter.


„Wie nach Hause kommen“

Luis Nicolussi Castellan, Kuratoriumsmitglied aus Lusern, bestätigte Siblers Hypothese aus eigener Erfahrung: „Für uns ist der Besuch in Velden, als würden wir nach Hause kommen“, meinte er. Schließlich sei Bayern die ursprüngliche Heimat seiner Vorfahren und auch Sprache und Traditionen weisen deutliche Gemeinsamkeiten auf. Man musste sich nur die cimbrischen Trachten ansehen, um sich davon zu überzeugen: Männer in Lederhosen und edlen roten Westen über dem Hemd und die Frauen in langen dirndlähnlichen Kleidern mit Schürze und Bluse. Zwischen Mussolini und den nationalistischen Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts geriet das „älteste Bairisch“ in Vergessenheit, so Castellan. Dem setzten Friedrich Mager, erster Vereinsvorsitzender, und seine Gründerkollegen 1969 ein Ende.

„Auch wenn du nach neuem strebst, vergesse deine Wurzeln nicht“, hätte auch Bürgermeister Greimel früher seine Eltern sagen hören: Die Gründung des Cimbern-Kuratoriums stand ganz im Gegensatz zum historischen Kontext der 1960er Jahre. Den „Sturm und Drang des 20. Jahrhunderts“ nannte Bürgermeister Greimel die Zeit der studentischen Proteste und Emanzipationsbewegungen.


Stolz auf die Kultur

Es scheint, als habe sich das Blatt heute gänzlich gewendet: Die Globalisierung trete wieder hinter das Bedürfnis, sich über seine Herkunft und seine Vorfahren zu definieren, so Sibler. Die Cimbern seien stolz auf ihre Kultur und trauen sich unter großem Zuspruch von ihren Verwandten aus Bayern, ihre Traditionen zu zeigen, das wurde im Gespräch mit den Jubiläumsgästen aus dem Cimbernland deutlich. Man könnte meinen, Andreas Schmellers Angst, die Sprache könne aussterben, sei völlig unbegründet gewesen. Eins ist jedoch sicher: der Einsatz der Kuratoriumsmitglieder hat wesentlich zum Selbstbewusstsein der altbayerischen Kultur in Oberitalien beigetragen.

Quelle: Vilsbiburger Zeitung - Lokalteil Velden vom 11. September 2019

Mehr Infos unter: https://www.cimbern-kuratorium-bayern.de/

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